Y O G A - P H I L O S O P H I E

von Marina Pagel

mit freundlicher Genehmigung von:

Inhalt:

Hinführung
1. Alles ist Leid
2. Der klassische Yoga
2.1. Methode und Ziel des Yoga
3. Parkriti und Gunas
4. Der achtgliedrige Yogapfad
4.1. yama
4.2. niyama
4.3. asana
4.4. pranayama
4.5. pratyahara
4.6. dharana
4.7. dhyana
4.8. samadhi
5. siddhis
6. Kommentar
7. Yoga als Bemühung um Ganzheit


7.1. Asketische und synkretische Richtung
7.2. Ahimsa, das Prinzip des Nichtschädigen
8. Bhagavad-Gita: Leben ist Handeln
8.1. Krisna, der dynamische Gott
8.2. Karma und bhakti
9. Buddhismus: Auch das Nirvana ist leer
10. Tantra: Ohne Anhaftung ist jeder Weg richtig
10.1. Die Lehre fürs Kali-yuga
10.2. Mantra, mudra und yantra
10.3. Geheimritual pana-tattva
11. Hatha-Yoga
11.1. Der Leib ist der Tempel
11.2. Kundalini
12. Schlussbetrachtung
13. Zeittafel
Hinführung

Ausgehend von der Annahme des Kulturforschers Jean Gebser, dass die Geschichte der menschlichen Kultur im wesentlichen die ihrer Bewusstseinsentwicklung ist, hat sich die Bewußtseinsevolution in vier mutationsartigen Sprüngen vollzogen.

Die erste Bewußtseinsfrequenz ist die archaische.

Durch den Verlust der Ganzheit wird der Mensch sich seiner Vereinzelung bewußt,  er entwickelt die Ilusion der Einheit in der magischen Struktur.

Die mythische Struktur führt zu einer Bewußtwerdung des Gegenpols der Erde, des Himmels, der Seele und der Innenwelt.  Das mythische Bewußtsein hat die innere Erfahrung, die Imagination, zum Gegenstand. Das symbolische Denken der mythischen Bewußtseinsstruktur löst das emotionale Denken der magischen Struktur ab.

Die vierte Stufe ist die mentale Komponente. In Europa hat die bewußte Verneinung des Mythischen zur Überbetonung des Mentalen geführt, was sich in der modernen rationalen Haltung ausdrückt.

 

1. Alles ist Leid

Nach der Weltsicht des klassischen Yoga herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von Ereignissen. Das Leben wird als unbeständig wahrgenommen, nichts den Sinnen Gegebenes kann glückhaft sein. Selbst Freudvolles ist von Leid durchwirkt - wegen der Angst vor dem drohenden Verlust.

Die Allgegenwärtigkeit des Leids wird im mythischen Motiv des Lebensrads oder samsara-cakra ausgedrückt. Zeit ist das unermüdliche Dahinfließen der Ereignisse (samsara). Mythische Zeit wird als eine kreisförmige, zyklische Bewegung dargestellt, und meint das Fließen in sich selbst zurück. Yoga negiert nun das Zeithafte, ist Mittel zur Aufhebung der Zeit und Suche nach dem Zeitlosen.

Der Mensch kann sich durch eigenen Einsatz und freien Willensentschluss aus dem bedingten und profanen Dasein ziehen. Der menschliche Wille ist frei, auch wenn das Wirkungsfeld mehr oder minder begrenzt ist. Das Erleben des Leids und der Abhängigkeit des Menschen unterstützt den Yogi dabei, seinen geistigen Pfad zur  "Selbst-" Verwirklichung zu betreten. Leid kann die Erkenntnis wachsen lassen, alles Weltliche überwinden zu wollen.

Die Leidhaftigkeit des Menschen zeigt sich an der ununterbrochenen Wiedergeburt. Diese Doktrin ist einer der beiden Tragpfeiler des indischen Kulturlebens. Der andere ist die Überzeugung, die Grenzen der Sinneswelt übersteigen zu können und bewusstseinsmäßig ins Unbedingte vorzustoßen (moksa-Ideal).

Der Mensch wird durch seine Werke (karman) zu immer neuen Wiedergeburten geführt. Moralische Bestrafung oder Belohnung für vergangene Taten enthalten dabei stets die Möglichkeit zur Modifikation, der Mensch wird aufgefordert, zum Gestalter seines eigenen Schicksals zu werden. Der Yogi will den fortwährenden Zyklus unterbrechen, indem er die Befreiungserleuchtung im höchsten enstatischen Zustand (samadhi) erreicht.

Es ist die Haltung des Menschen der Welt gegenüber, welche das Rad des Werdens in ewiger mechanischer Umdrehung hält. Sein Werk kann, auch wenn es weltlich beurteilt als positiv angesehen würde, nie zum Licht führen, sondern lockt ihn in immer tiefere Weltverstrickung, denn es hinterlässt im menschlichen Tiefenbewusstsein Spuren, samskara, die die Auslösefaktoren weiterer Geburten sind.

Patanjali unterscheidet 5 Typen von Leidbewirkern (klesa-Theorie): primäre Quelle ist das mangelnde Erkennen der Wirklichkeit, das Nichtwissen (avidya) , welches die Basis für die weiteren klesas bildet: Ich-Verhaftung, der Mensch identifiziert sich fälschlich als Sehender und Gesehener gleichzeitig  (asmita), Begierde, Verhaftung (raga), Hass,  (dvesa) und Selbsterhaltungstrieb, Sinn des Lebens ist die Steigerung der eigenen Wichtigkeit (abhinivesa).

Vorläufiges Ziel des Yogi ist, diese Leidenschaften zu sublimieren und letztendlich vollends auszuschalten, womit die Enstase möglich gemacht wird. Sie ist gleichbedeutend mit der Stilllegung der Bewusstseinswirbel und dem Transparentwerden der Selbst-Bewusstheit, worin die Erlösung vom Zyklus des Lebens und Sterbens besteht.

 

2. Der klassische Yoga

Im klassischen, mythischen Yoga bedeutet die Verwirklichung des "Selbst" (purusa) die vollkommene Absonderung vom Weltlichen, also Askese.

Das menschlichen Bewusstsein wird fortschreitend reduziert, das objektiv Gegebene ausgeschaltet, die Wahrnehmungswelt aufgehoben und die Persönlichkeit zunehmend entleert. Dadurch kann ein plötzlicher Durchbruch in die reine Bewusstheit möglich werden, die Ein-Bewusstheit leuchtet auf: Autonomie, Befreiung (moksa), Unsterblichkeit.

Patanjali hat diesen Entleerungsvorgang wie folgt formuliert:

yogas citta vrtti-nirodhah
tada drastuh svarupevasthanam
(Yoga-Sutra I.2-3)

"Der Yoga ist die Stillegung der Bewußtseinswirbel.- [Wenn diese >Windstille< des Bewußtseins erlangt ist], dann erscheint der >Seher<  [d.h. das Selbst] in seiner Eigengestalt."  

oder: Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen. Dann ruht der Sehende in seiner Wesensidentität.

 

Der normale Mensch ist metaphysisch gesehen "blind", da er seinen Körper mitsamt seiner Gemütsbewegungen als seine eigentliche Essenz zu erkennen glaubt, worin die Wurzel all seiner Leiden besteht. Rein verstandesmäßig kann kein Heil herbeigeführt werden. Das empirische Bewusstsein (citta) ist nur das schattenhafte Abbild der transzendenten Bewusstheit (cit), ist aber zugleich verantwortlich für die äußere Wahrnehmung der Welt als Objekt.

Die Negierung des Ego ist charakteristisch für das mythische Einheitsstreben. Gefordert ist die Aufhebung des Ichs zugunsten eines über das Ego hinausgehenden Bewusstseins, der buddhi, und schließlich der allumfassenden Bewusstheit. Der Yogi spaltet das Bewusstsein vom Körper immer mehr ab, was zu einem symbolischen Tod führt und damit eine geistige Wiedergeburt möglich macht.

Der magisch-mythische Yoga ist Transzendenz-orientiert. Der Yogi verharrt unbeweglich im Physischen und Psychischen, und baut dabei seine Persönlichkeitsstruktur immer mehr ab, bis er zum "Selbst" durchgebrochen ist. Er versucht durch die bewußte Nach-Innenkehr seinen Tod symbolisch im profanen Leben vorwegzunehmen und tritt in das brahman (absolute Sein) bei vollständiger Erleuchtungsbewusstheit ein.

 

Der Yoga war eine Geheimlehre und wurde stets mündlich vom Lehrmeister auf den Novizen überliefert. Neben seiner praktischen Seite kennzeichnete ihn auch die initiierende: Ein guru gibt  seinem Novizen einen Teil seiner spirituellen Kraft, damit dessen Streben erfolgreich ist. Der Novize wird zu einem Glied in einer machtgeladenen Traditionskette. Die Initiation gleicht symbolisch dem Vorgang der Geburt, einer geistigen Wiedergeburt, und markiert den Übergang vom profanen Leben hin zum sakralen. Der guru ist in seinen Funktionen als Vormund, Vertrauter und Richter unerlässlich. Er stellt das personifizierte Mahnmal des Ideals der Ich-Überwindung mitsamt der typisch menschlichen Verhaltensweisen und Anschauungen dar. Der guru ist heroisches, irdisches  Leitbild (Stellvertreter des göttlichen Herrn), und der Lernprozess besteht in der Imitation dieses Archetypus. Als Entgelt wird von dem Schüler Achtung gegenüber dem guru erwartet.

 

2.1. Methode und Ziel des Yoga

Die Technik der Bewusstseinseinung verfolgt das Ziel, den vorweltlich-vorzeitlichen Ursprung zu erobern, d.h. das Normalbewusstsein zu einen, und letztendlich die Überformung in die transzendente Bewusstheit des "Selbst" (atman). Damit hat dann auch das Leid und der Schmerz auf der Welt ein Ende.

Die Yogi erkannten Gefühle, Wünsche und Neigungen schon früh als ungeeignet, hinter die Welt der Erscheinungen zu sehen. Um die innere Gestalt eines Objekts erkennen zu können, muss der Yogi zum Objekt selbst werden. Er verpflanzt sein über die empirische Realität hinausgehobenes Bewusstsein in den Gegenstand seiner Wahl und identifiziert sich mit der Wesensform seines Objektes. Die Grundlehre des Yoga besagt, dass das Sein und das Bewusstsein im Grunde nicht voneinander verschieden sind, sondern Aspekte der Ein-Wirklichkeit.

Die Subjekt-Objekt-Trennung der empirischen Erkenntnis kann aufgehoben werden, indem durch intensive Schulung das Bewusstsein transformiert wird und eine neue, transzendentale Erkenntnisinstanz hervorgerufen wird. Der Befreiungszustand ist akausal, zeitfrei, raumfrei und unbedingt, also alles, was die äußere Welt nicht ist.

Einungspraktiken stehen für die Ballung der Kräfte, wobei die Entsagung das nötige Vakuum zur Energieanreicherung im Inneren des Yogi schafft. Beide Grundpole, Einungspraxis und Vielheitsverzicht, bedürfen einer gleichzeitigen Kultivierung: überwiegt das erstere, kommt es zu einer ungewollten Entladung der überspannten psychischen Energien, beim Überwiegen der zweiten kommt es zur Verflüchtigung der angesammelten Kräfte, es gilt die Balance zu wahren.

Die mythische Struktur führt damit zu einer Bewusstwerdung der Seele, der Innenwelt. Symbolisch dafür steht der Kreis.

Der mythische Yoga sieht nicht nur die innerliche Absage an die wechselhafte Welt als notwendig an, sondern verlangt auch den äußeren Akt der Weltabkehr. Einiungspraxis ohne Entsagung führt zur krankhaften Ich-Aufblähung und Machtlust und damit zu mehr Weltverstrickung. Allein der Verzicht beschert dem Menschen Furchtlosigkeit. Denn Furcht ist nur dort möglich, wo zwei oder mehr Dinge koexistieren, das atman (Selbst) ist eins ohne ein zweites und damit frei von Furcht.

Die Abkapselung des Yogi vom Weltgeschehen sollte nach Feuerstein  nicht als Flucht verstanden werden, da seine Aura durch die Erlangung persönlicher Reinheit auch auf andere Menschen einen wandelnden, läuternden Einfluß hat.

 

3. Prakriti und Gunas

Die materielle Welt ist prakriti, die gunas sind die primären Komponenten der manifestierten Wirklichkeit (Weltstoffenergien) und umfassen jegliche Existenz. Die kombinierte Aktivität der gunas schafft die gesamte Weltwirklichkeit, sie haben einen Doppelcharakter als Substanzen und Qualitäten: 3-fache Wirkungsweise oder Ladung. Im transzendenten Quellengrund der Welt besteht zwischen ihnen ein relatives Gleichgewicht, was durch folgende Qualitäten ausgezeichnet wird:

sattva als Prinzip der Klarheit und Neutralität

rajas als aktives Prinzip

tamas als träges Prinzip

Sobald Energie Form annimmt, überwiegt eine der drei Qualitäten. Nur im samadhi sind die drei gunas vollständig überwunden.

 

4. Der achtgliedrige Pfad

Das Modell des klassischen Yoga, "Der  achtgliedrige Pfad", umfaßt wie es im Yoga- Sutra des Patanjali beschrieben ist, folgende Glieder:

(1) Die moralische Zügelung (yama) Diese reguliert die äußere Lebenstätigkeit und die sozialen Beziehungen mit Hilfe von 5 ethischen Grundforderungen:

1- Nichtschädigen

2- Wahrhaftigkeit

3- Nichtstehlen

4- Keuschheit

5- Nichtbegehren

Ohne diese Gebote, die Spiegelungen der kosmischen Norm (dharma) sind, zu verfolgen, endet der Mensch in geistiger Verwirrung und Verwahrlosung. Die Tugenden wirken sich nicht nur läuternd auf das Bewußtsein aus, sondern blockieren darüber hinaus auch die drei "Pforten zu Hölle"- sinnliches Verlangen, Gier und Zorn. Damit stellen sie den ersten Schritt zur Veränderung dar und helfen dem Yogi bei der Überwindung seiner weltverhafteten Unbesonnenheit.

(2) Die Selbstzucht (niyama)  Dieses zweite Glied setzt sich aus weiteren 5 Tugenden zusammen:

1- Reinheit- sauca , mit Hilfe dessen kann der Yogi das Verhaftetsein an seinen Körper nach und nach aufgeben und somit sein Verlangen nach innerer Reinheit steigern.

2- Zufriedenheit- samtosa. Diesen Zustand kennzeichnet eine heitere Gelassenheit, die die positive innere Einstellung zeigt und im Sinne der notwendigen Seelenstärke anzustreben ist. Der Yogi soll stets selbstgenügsam und ohne Erwartungen das hinnehmen, was geschieht.

3- Askese (tapah)-  Durch asketische Techniken wie Fasten, Atemanhalten oder schweigendes Stillsitzen erlangt der Yogi auf seinem Weg magische Kräfte (siddhis). Über die Askese gelangt er an die nötige Klarheit, die ihm zur Selbstverwirklichung fehlt.

4- Eigenstudium- svadhyaya. Auch die Vertiefung in die heiligen Schriften und das meditative Rezitieren von Sutren dienen als Kraftquelle. Durch die monotone Wiederholung der Worte wird die Erkenntnis des inneren Wesens der rezitierten Laute herbeigeführt.

5- Hinwendung an den Herrn- isvarapranidhanani. Die Schöpfung (prakritri) gilt als autonom, da der Urgrund der Natur den Kosmos in zyklischer Folge immer wieder gebärt und verschlingt. Formal ist Gott von den übrigen Bewußtseinsmonaden unterschieden, wesensmäßig aber sind sie eins, d.h. es besteht eine numerische Vielzahl, aber keine qualitative, denn alle purusas gelten als allgegenwärtig. Patanjali sagt, dass jedes menschliche Bewusstsein eine Monade, also einzeln, ist, und Gott (isvara) ist als primus inter pares Archetyp des Yogi. Der Unterschied zwischen isvara und dem Yogin besteht darin, dass ersterer die Erleuchtung nicht mehr verlieren kann. Gottsuche und Gottesbegriff sind im klassischen Yoga aber nicht wesentlich.

(3) Die Körperhaltung (asana) - Dies ist die Praxis des Thronens ohne Thron, des "rechten Sitzens". asana darf aber nicht als rein physische Übung angesehen werden, da es in einer bestimmten inneren Verfassung eingenommen werden muss. Durch die Hereinnahme der Extremitäten und deren Zusammenfügung zu einer geschlossenen Einheit soll die eigene Innerlichkeit vertieft werden. Die unbewegliche Haltung ahmt eine nichtmenschliche Vefassung nach. asana = feste Körperhaltung+ Gelöstheit+ meditative Geisteshaltung

Der Prozess der psychosomatischen Umschaltung und Energetisierung wird mit dem 4. Übungsglied, der Atemregulierung, weiter vertieft.

(4) Die Atemregulierung (pranayama) - Über die Kontrolle der Atemvorgänge soll eine Einwirkung auf das menschliche Gemüt erzielt werden. Wenn der Atem immer länger angehalten werden kann, immer gleichmäßiger und feiner wird und damit auch zum Ausschluß der Umwelteinflüsse führt, intensiviert dies unmittelbar, durch Sammlung der Sinne, das Bewußtsein. Äußerlich bertrachtet erscheint der Yogi sich in dieser Übung in einem Zustand scheinbarer Leblosigkeit zu befinden.

(5) Sinneseinholung (pratyahara)- Hier ist das Abziehen der psychischen Energien von äußerlichen Dingen gemeint. Ziel ist, dass das Bewußtsein seine Eigengestalt annimmt und sich selbst erfasst. Die Sinne müssen ruhiggestellt werden, damit die Suche nach dem transzendenten Wesenskern im Inneren beginnen kann. Dies wird als "Windstille" (nirvana ) der menschlichen Persönlichkeit bezeichnet. Voraussetzung ist, dass das Verlangen nach Sinnesgenüssen zumindest teilweise schon gestillt ist. Mit dieser Übung tritt der Yogi aus der Außenwelt aus und wendet sich im Folgenden den drei Innengliedern, die sich ausschließlich im Bewußtsein abspielen, zu.

(6) Konzentration (dharana)- wird als Bindung des Bewußtsein an einen bestimmten Punkt definiert. Es gilt das Bewußtsein ständig zu bewachen und nach innen zu richten, da sonst eine Befriedung nicht möglich ist. Eine erfolgreiche Konzentration geht über in die meditative Versenkung.

(7) Versenkung (dhyana)- In der Meditation gilt die Versenkung als geradlinige Erstreckung des punkthaft konzentrierten Bewußtseins und ist die forschend-sinnende Betrachtung des eigentlichen Wesens. Ziel ist die Stillegung der Bewußtseinswirbel, womit die Eliminierung aller Erkenntnis- und Willensfunktionen des Bewußtseins gemeint sind. Durch die meditative Versenkung soll der äußere (grobe) Aspekt des Gedächtnisses stillgelegt werden. Bereits auf dieser Stufe werden die Bewußtseinswirbel, die nicht den gesamten Komplex der Bewußtseinswelt ausmachen, beseitigt. Der Vorgang der Stillegung besteht aus drei Phasen:

1. Bewußtseinswirbel werden eliminiert

2. Stillegung der Bewußtwerdungen 

3. Stillegung der unterbewußten Bewirker

Durch beständiges Üben werden die Intervalle der Versenkung zusehends verlängert und werden wichtiger als eine intellektuelle Tradition, die abstrakt bleiben muss, angesehen.

(8) Enstase (samadhi) - Die Enstase ist ein vielschichtiges Ereignis, an dessen Ende nur die reine Bewußtheit des Selbst verbleibt. Da sie erst dann eintritt, wenn das mentale Bewußtsein stillgelegt ist, sind die Vorgänge verstandesmäßig kaum fixierbar. Dem Normalbewußtsein erscheint die Grenzüberschreitung als ein Sprung ins Nichts.

Die Enstase ist allerdings nicht als Regression zu werten, da eine aktive und völlige Umstrukturierung und die letztendliche Aufhebung des Unterbewußten stattfindet. Diese unterbewußten Tendenzen äußern sich in Begierde und Sinneserfahrung als zentrifugalem Hang, der den Menschen nach außen wirft. Nach innen gerichtetes Bewußtsein wird im Yoga-Sutra "Umkehrungsbewußtsein" genannt.

Der Schritt ins Nichts ist endgültig und unwiederruflich. Es kommt zu einer Subjekt-Objekt-Einung (samapatti). Der Zustand der Enstase wird teilweise mit einer Art "Wach-Schlaf" verglichen, kann aber niemals erzwungen werden.     

[Wenn] dieser [in der Versenkung fixierte Bewußtseinsgegenstand] als einziger Gegenstand erstrahlt,
[und das Bewußtsein] gleichermaßen [seiner] Eigengestalt entleert ist, - [das ist] samadhi."
(Yoga-Sutra III.3)

 

Die acht Glieder des yogischen Pfades überlappen sich sowohl zeitlich als auch funktionell, daher die kreisförmige Anordnung wie in der Abbildung.

 

5. Siddhis

Die Erlangung der magischen Kräfte (siddhis) ist integraler Bestandteil der Yogapraxis, und sie gelten als letzte Probe, die der Yogi bestehen muß. Die Kräfte scheinen ihn über die bekannten Naturgesetze hinwegzuheben und dadurch  wird erneut das Auftreten der negativen Persönlichkeitszüge (Stolz, Übermut und Nachaußengerichtetheit) begünstigt, die der Yogi während der Praxis des Einens schon bekämpft hat. An dieser Stelle muss er sich entscheiden, ob er sich von den magischen Kräften dazu verlocken lässt, sich als Herr des Universums aufzuspielen oder weiterhin den Pfad der Weltabgeschiedenheit zu gehen. Der Gewinn an Macht verlangt in gleichem Maße auch eine Steigerung des Verantwortungsbewußtseins. Wichtig im Umgang mit den siddhis ist, das höchste Ziel im Auge zu behalten.

Das Heilsstreben wird immer auf's engste mit dem Gewinn der siddhis verknüpft. Höhepunkt der Machtfähigkeit bildet der Erwerb der acht "großen Kräfte" (animan- die Fähigkeit, so klein wie ein Atom zu werden; laghiman - Levitation; mahiman - die Fähigkeit sich unendlich auszudehnen; prapti -die Macht überall hinzureichen; prakamya- Willensfreiheit; vasitva - Herrschaft über die Schöpfung; isitrtva - Schöpferkraft; kamavasayitva - die Gabe der Wunscherfüllung).

Es besteht allerdings keine Übereinstimmung darin, ob diese Kräfte rein subjektiv oder auch objektiv beobachtbar sind.

 

6. Kommentar

Im mythischen Yoga liegt die Betonung eher auf der passiven Vermeidung, anderen Wesen Schaden zuzufügen, als auf aktiver Nächtenliebe. Der mythische Yogi ist bemüht aus dem sozialen Leben auszuscheiden, trotzdem versucht er die Beziehung zu den Mitmenschen, solange sie unumgänglich sind, möglichst harmonisch zu gestalten. Dies allerdings weniger aus ethischen Gründen als aus der Einsicht und dem Erlebnis der All-Einheit, wo es nur das Eine gibt und jeder Gedanke der Andersartigkeit dem yogischen Einheitsstreben entgegengesetzt ist.

Jeder echte yogische Akt, nämlich die Umkehrung des normal-menschlichen Verhaltens, ist eine Opposition gegen die profanmenschliche Konstitution, um im Weltleben die Allgegenwärtigkeit überweltlicher Werte zu erfassen.

Methodologisches Prinzip ist die Kultivierung des Gegenteils. Das weltliche Handeln verstrickt den Menschen immer mehr in den Strudel weltlicher Existenz. Daher vertieft sich der Yogin in das Gegenteil von dem, was in der Welt eigentlich verlangt wird.

 

7. Yoga als Bemühung um Ganzheit

Mythischer Yoga ist Auslotung der Innenwelt unter Rückzug aus der Außenwelt.

Auch in der Kunst Indiens findet sich das Bemühen, hinter das unmittelbar Gegebene zu schauen und den Körper als homogen und Jenseitiges offenbarend darzustellen, quasi als formgewordenen Yoga. In klassischen Schriften werden Maler, Bildhauer und Dichter dann auch Yogi genannt. Nur durch die Innenschau mittels Yoga kann der Künstler zu den Einsichten gelangen, die in seine Kunst einfließen.

Im mythischen Yoga allerdings wird das im Innern des Yogi Erreichte nicht nach außen projeziert. Diese beiden Strömungen, die asketische und die synkretische (Verschmelzung, Vermischung zweier Lehren), finden sich seit frühester Zeit und haben sich gegenseitig bereichert.

 

7.1. Asketische und synkretische Richtung

Die asketische Richtung kann nach Feuerstein der vorarisch-einheimischen Gedankenwelt zugeordnet werden, die ein hoch ausgebildetes Asketentum hatte, wahrscheinlich entstanden durch den Zusammenbruch der Indus-Kultur durch die Einwanderung der Arier.

Der Brahmanismus der arischen Einwanderer hatte ein System komplexer Rituale entwickelt, mit denen die Gunst der Götter gewonnen werden sollte für z.B. Geburt, Tod, Krieg und andere diesseitige Bemühungen. Dafür zuständig waren die Brahmanen, die Priesterkaste. Die den Menschen zugestandene Freiheit liegt allein im Ethischen, in der Wahl zwischen guten und schlechten Taten.

Im Zusammenstoßen des bodenständigen Asketentums mit den Ritualen der Brahmanen bildete sich allmählich eine antibrahmanische Bewegung heraus, die zuerst von der arischen Kriegerkaste getragen wurde - nachzulesen in den frühen Upanishaden.

Vor allem zwei Gedanken der vorarischen Glaubenswelt wurden vom Brahmanismus angenommen:

    1. Die Lehren von der Wiedergeburt und

    2. von der Befreiung durch Askese nicht für diesseitige Zwecke, sondern um einen jenseitigen Zustand zu erlangen.

Sie institutionalisierten die Lehre von den 4 Lebensstadien:

Lehr- und Wanderjahre,

Haushälterschaft,

Waldeinsiedlertum

und schließlich Weltverzicht.

(ein schönes Beispiel in der Literatur findet sich in Hermann Hesses Siddharta)

 

7.2. Ahimsa, das Prinzip des Nicht-Schädigens

Am Beispiel des Ahimsa, des Konzeptes des Nichtschädigens, läßt sich die Kluft veranschaulichen zwischen

vedisch-dieseitiger Kulturund einheimisch-asketischer Kultur.

Himsa ist ein relativer Wert, das Nichtschädigen soll nur geübt werden.  Ahimsa ist absolut und unbedingt, Nichtschädigen aller Wesen ist gefordert. Innerhalb des Ahimsa-Gebotes bringt jegliches Himsa Unheil: es dürfen z.b. keine Opfertiere geschlachtet werden außer an besonders gesegneten Stätten. Im Rahmen seines Berufes darf der Soldat himsa ausüben.

 

8. Bhagavad-Gita: Leben ist Handeln

Eine Trägergemeinschaft dieses Glaubensgutes waren die Vishnuverehrer. Die Bhagavad-Gita ist das Buch, welches diese Kulturströmung und damit die Synthese zwischen indoeuropäischer Welt und nichtarischem Kulturgut dokumentiert. Es geht darin darum, wie der einzelne Mensch sein religiöses Streben mit den gesellschaftlichen Erfordernissen in Einklang bringen kann.

Wahrscheinlich im 5. Jhdt. v. unserer Zeitrechnung entstanden, wird in 700 Strophen die Synthese zwischen beiden Richtungen versucht:

Auf der einen Seite der transzendale Mangel, wenn man nur der Wirklichkeit der Sinneseindrücke nachgibt. Auf der anderen Seite die Vernachlässigung der Welt, wenn man durch die Überbetonung des Transzendalen die Wirklichkeit vergisst.

Gott Vishnu ist der Vertreter dieser Synthese, er ist höchstes Wesen, all-umfassendes Ganzes, wesensgleich mit der Schöpfung ragt er über sie hinaus: Mein Selbst (atman) erhält alle Wesen, und obgleich Ich nicht in den Wesen wohne, bin Ich der Wesen Ursache.

Gott ist sowohl das Manifestierte als auch der formlose Urgrund alles Geschaffenen, er ist das Ganze.

"Jenseit ist das Ganze. Diesseits ist das Ganze. Vom Ganzen stammt Ganzes ab. Ganzes vom Ganzen genommen, verbleibt trotzdem das Ganze." Upanishaden

 

8.1. Krisna, der dynamische Gott

Thema in der B. ist ein Schlachtfeld nach einer 18-tägigen Schlacht. Es geht um die Frage: ist Krieg in jeder Beziehung Sünde oder gibt es Situationen, in denen er erforderlich ist? Das dahinter stehende Thema: Gereicht Handeln zum Heile?

Nach der mythisch-asketischen Tradition nicht, alles Handeln führt zu weiterer Verstrickung und Anhaftung.

 

Der Gott Krisna selbst erklärt dem Prinzen Arjuna, einem Krieger: Leben bedeutet Handeln. Selbst Gott ist dynamisch:

"Auch nicht für einen Augenblick kann jemand existieren ohne Handlungen zu vollziehen... Würde ich nicht Handlungen vollziehen, so würden diese Welten untergehen, und Ich wäre der Urheber eines Chaos und würde alle diese Kreaturen vernichten."

Krisna erklärt, es gäbe zwei Wege zum Heil: den Yoga der Erkenntnis (jnana) und den Yoga der Tat (karma). Beide Wege führen zum Ziel, obwohl der Tat-Yoga vortrefflicher ist.

Die Welt ist ein realer Bestandteil des kosmischen Leibes der Ein-Wirklichkeit, und Entsagung des Asketen negiert einen Aspekt des Göttlichen, die Dynamik des Lebens.

Der Yogi widmet sich mitten im Leben stehend der Verwirklichung der Befreiung, indem er innerlich entsagt. Handeln kann den Menschen nur beflecken, wenn er ichhaft an ihm hängt: "Indem der Yogi jegliche Anhänglichkeit an die Frucht seiner Werke abwirft, stets zufrieden und unabhängig ist und dennoch Werke verrichtet, handelt er im Grunde überhaupt nicht.

Indem der Yogi sich nichts erhofft, Gemüt (atman) und Denken zügelt, allen Besitz aufgibt und nur körperlich Taten verrichtet, häuft er keine Schuld auf sich.

Der Tat allein gehöre dein rechtmäßiges Interesse, niemals ihrer Frucht"

 

8.2. karma und bhakti

Im Karma-Yoga versucht der Yogi die transzendente Wirklichkeit nachzuahmen, wie Gott versucht er eine paradoxe Haltung einzunehmen: er ist sowohl dynamisch wie auch Zuschauer des Dramas.

Natürlich ist das Werk nicht nur Opfer des Yogi, sondern muß auch inhaltlich zulässig sein, sündhafte Taten sind sanktioniert. Sie spiegeln nicht die im Kosmos wirksame moralische Ordnung wider. In aktiver Selbstbestimmung erfüllt sich das innere Wesen des Einzelnen, wobei die, die noch nicht zu innerer Klarheit gelangt sind, der moralischen Führung äußerer Regeln bedürfen. Sie können sich an der Lebensführung Erleuchteter und überlieferter Rechtsordnung ausrichten. Der Mensch ist aber aufgefordert, sein eigenes Gewissen, seine erleuchtete Vernunft (buddhi), auszubilden. Ist sein Weisheitsorgan erwacht, bedarf er keiner äußeren Anweisung, sondern erfasst die große Ordnung in seinem inneren Selbst.

Krisna unterscheidet 2 Arten von Yogis, den sich noch auf dem Weg Befindlichen und den Vollendeten. Der auf dem Weg Befindliche hat die Dualität noch nicht überwunden, neben dem Tat-Yoga braucht er Stunden der Verinnerlichung, der meditativen Versenkung (dhyana), in denen er sein Gemüt still hält und sein Bewußtsein reinigt.

Diese dhyana unterscheidet sich vom mythischen Yoga darin, dass sie einen theistischen Inhalt hat, vergleichbar dem Herzensgebet in der christlichen Religion. Krisna empfiehlt nichts Forciertes, Mäßigung in allen Bereichen wird angeraten. Das Gefühlsleben der Begierden, Neigungen und Anhaftungen ohne Beständigkeit wird nicht wie im mythischen Yoga ausgemerzt, sondern zusammengeschmolzen in der bhakti (Teilnahme), der Hingabe an Gott. Zuerst besteht noch ein Dualismus zwischen dem, der liebt und dem, der geliebt wird, auf der zweiten Stufe liebt das Ganze das Ganze, d.h. eine all-eine Liebesteilhabe im Zustand des Befreitseins.

Das Element des bhakti, der spontanen, einfachen Hingabe zu Gott, mündet in der geschichtlichen Entwicklung des Visnuismus in den bhakti-marga, einer im Mittelalter aufsprießende Bewegung. Werk und Erkenntnis, karma und jnana, treten zurück hinter das Element der Hingabe, bis hin zu ekstatischen Verzückungserlebnisse.

Beim Verfasser der Bhagavad-gita gehören jnana, karma und bhakti-yoga aber noch zusammen. Es besteht kein Konflikt zwischen Individuation und Teilnahme am weltlichen Leben. Beides sind zwei Pole ein und desselben Vorgangs.

Es gibt in der B. zwei Stufen der Erlösung: das Verwehen im Absoluten, brahma-nirvana, der Zustand transzendenten Einsseins. Und darüber hinaus das Erwachen in Gott. Brahma-nirvana darf vom Yogi nicht als Endleistung gesehen werden, es ist ohne Liebe. Erst die völlige Hingabe an Gott führt zur Liebesbewußtheit.

Was heißt Liebe? Die transzendentale Liebe, die zwischen Gott und der Befreiung erreichten Kreatur fließt, ist nicht intellektueller oder emotionaler Natur, sie ist göttliche Schöpferkraft, in der Form, dass das Ganze mit den ganzen Teilen kommuniziert. Dies kann vor dem Tod passieren, der Mensch kann ein im Leben Befreiter sein. Jivan-mukti bedeutet Sein im Werden, Ewigkeit in Zeitlichkeit, Unbedingtheit im Bedingten, Überwindung der Dualitätserfahrung.

 

9. Buddhismus: Auch das Nirvana ist leer

Um die Jahrtausendwende spaltete sich die buddhistische Gemeinde in das Kleine Fahrzeug, hinayana, und das Große Fahrzeug, mahayana. Im Hinayana ist das Nirvana, des Ende allen Werdens und Leidens, oberstes Heilziel. Nirvana existiert tatsächlich, und der Mensch muss sich bemühen, auf dem rechten, einem wirklichen Pfad zu ihm zu gelangen, diesen transzendenten Zustand zu erlangen.

Das mahayana kritisiert die konservative, individualistische Haltung des Mönchstums. Es behauptet, die Welt sei nur Schein, und deshalb ist die Realität der Leiderfahrung, die das Hinayana so beschäftigt, auch illusorisch. "Diese durch Subjekt und Objekt bedingte zweiheitliche Wandelwelt ist ein bloßes Zittern des Bewußtseins."

Nicht einmal das Nirvana existiert. Die einzige Wirklichkeit, die es gibt, ist Leere. Wer der Welt zu entfliehen versucht, glaubt noch an ihre Realität. Das Heilsziel liegt nicht außerhalb der Welt, man muß nicht aus der Welt austreten, man muß nur erkennen, dass man im Inneren bereits erleuchtet ist. Obwohl alle Wesen und das wahre Wesen aller Dinge "leer" sind, wird der Lehrer doch aufgerufen, auf sein eigenes Heil so lange zu verzichten, bis er alle übrigen Wesen ebenfalls befreit hat - das bodhisattva-Ideal.

 

10. Tantra: Ohne Anhaftung ist jeder Weg richtig

Fast 1000 Jahre später, beginnend ab etwa dem 4. Jhdt., mit der Bewegung des Tantrismus kommt es zu einem zweiten ganzheitlichen Durchbruch. Der Tantrismus stellt die Abrundung der Verschmelzung zwischen orthodoxer brahmanischer Kulturströmung und einheimischer volkstümlicher Tradition dar. Wahrscheinlich entstand er aus dem Buddhismus und erfaßte schnell Hinduismus und Jainismus. Als ein regelrechter Lebensstil beeinflußt Tantra Philosophie, Mystik, Moral, Literatur. Tantra bedeutet die psychoexperimentelle Interpretation nicht-tantrischen Lehrguts.

Die Vorsilbe tan bedeutet ausbreiten, fortsetzen. Tantra wird als das bezeichnet, was das Wissen erweitert.

"Tantra ist Kontinuität und diese ist dreifach: Grund, Wirklichkeit und Unveräußerlichkeit" Gubyasamaja-Tantra.

Grund bezieht sich auf den tantrischen Pfad, Wirklichkeit auf das erlebende Subjekt und Unveräußerlichkeit auf das Ziel.

 

10.1. Die Lehre fürs Kali-yuga

Tantrismus betont die praktische Ebene. Es wird auf alle denkbaren Mittel zurückgegriffen, um das Heilsziel zu verwirklichen. Die philosophische Begründung dieser praxisorientierten Einstellung: Es gibt Weltalter, yuga. Tantrismus ist die neue Botschaft fürs kali-yuga, das dunkle Zeitalter. Im kali-yuga erreicht die Sündhaftigkeit ihren Höhepunkt und die Menschen können mit den älteren Techniken nicht mehr zum Unbedingten vorstoßen. Jetzt sind für das Heilsstreben alle Kunstgriffe erlaubt. Jeder Mensch ist anders und kann deshalb, bestimmt durch sein individuelles Temperament, einen anderen Weg versuchen, ob über das äußere Ritual oder die formlose Versenkung.

 

10.2. Mantra, mudra und yantra

Instrumente sind mantra, mudra und yantra, die helfen, meditative Visualisierung zu fördern (dhyana).

Mantra ist ein Quasimorphem oder eine Serie solcher bzw. eine Serie echter Morpheme mit Quasimorphemen. Mantra ist magischen Ursprungs, diente einst der Abwehr von ungünstigen Einflüssen und dem Erwerb magischer Kräfte. Wichtigster Punkt ist aber die Introjektion, die Verinnerlichung des Bewußtseins, des bewußtseinsmäßigen Einswerdens mit brahman. Om, das bekannteste Mantra, bedeutet das Absolute, das Eine.

Mudras, Siegel, sind Handgebärden und sollen den Verinnerlichungsprozeß beschleunigen. Bei yoga-mudra liegen z.B. die Hände entspannt auf den Knien.

Yantra, Instrument, ist eine geometrische Figur, die z.B. in den Sand gezeichnet wird, und dient der Konzentration und Visualisierung. Die buddhistische Variante, das Mandala, ist eine Landkarte der kosmischen Struktur. Gleichzeitig ist es Abbild der Innenwelt. Mikro- und Makrokosmos entsprechen einander. Wenn der Yogi mit dieser Bewußtseinsstütze völlige Identität erreicht hat, hebt er dann die einsgewordene Subjektivität auf und erzielt völlige Leerheit.

In Übereinstimmung mit dem hinduistischen Sozialideal beginnt der Yogi als Haushälter und wandelt sich über den Haushälter-Asketen zum Wanderasketen.

 

10.3. Geheimritual pana-tattva

Im Ritual pana-tattva  finden Verwendung Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Getreide und Koitus. Zur Seite jedes yogis sitzt eine yogini, beide gelten als Personifizierungen des göttlichen Paars sakti und siva, versinnbildlichen also überweltliche Wirklichkeiten. Dieses Geheimritual der linkshändigen Praxis schaffte das Mißverständnis des Tantra in der westlichen Welt. Es soll eine Konzentration erfordernde Yogatechnik im Kreis Initiierter darstellen, wobei der Yogi während der rituellen Begegnung  meditieren und den Akt auf transzendentaler Ebene erleben muss. Es geht weniger um sinnliche Lust, sondern darum männliches und weibliches Prinzip zu vereinigen und die Polarisation aufzuheben. Sakti, die Bewegungsenergie, vereinigt sich mit siva, der statischen Energie.

Im rechtshändigen Ritual werden die fünf tattvas rein metaphorisch verstanden.

 

In der prätantrischen Periode galt die Frau als Hindernis auf dem Weg zum Heil, sie war Verkörperung des Bösen und der Asket hatte sich aus ihren Fängen zu befreien. Im Tantra gilt: "Jede Frau ist Dein Abbild, o Göttin, Du wohnst verborgen in den Formen aller Frauen dieser Welt." Mahanirvana-Tantra

Dies ist nicht nur eine Wiederbelebung der einheimischen Mutterreligion, sondern die ganz bewußte Erkenntnis der Ergänzungspolarität des Weiblichen.

Auch im Tantra besteht kein Unterschied zwischen der von den Sinnen übermittelten Wirklichkeit, samsara, und der übernatürlichen Wirklichkeit, nirvana. Es kommt allein auf die innere Einstellung an, wie sich Handlung für jemanden auswirkt. Es gibt keinen Weg und kein Ziel und wenn diese Einsicht als Erlebnis zuteil wird, ist der weglose Weg beschritten und das ziellose Ziel erreicht.

 

11. Hatha-Yoga

Höhepunkt der Umwertung des Physischen erfolgt mit der Neueinschätzung des Leibes im Hathayoga. Den asketischen Richtungen war der Körper etwas Abstoßendes:

"Ehrwürdiger, in diesem übelriechenden wertlosen Körper, der nichts ist als ein Gemisch von Knochen, Haut, Sehnen, Mark, Fleisch, Samen, Blut, Speichel, Tränen, Schleim, Kot, Urin, Luft, Galle und Phlegma: wie kann man darin Freude finden? In diesem Körper, der von Lust, Ärger, Habsucht, Verwirrung, Furcht, Kleinmut, Neid, Trennung von Liebem, Vereinigung mit Unliebem, Hunger, Durst, Alter, Tod, Krankheit, Kummer usw. gepeinigt ist: wie kann man darin Freude finden?" Maitrayaniya-Upanishad

 

Aber der Körper ist nur dem Unwissenden eine Quelle des Leids, dem Weisen wird er zum Medium ungeahnter Seligkeit:

"Dieser Körper dient dem Weltgenuß und der Befreiung des Yogi. Er gleicht eines Weisen Hain." Yoga-Vasistha

11.1. Der Leib ist der Tempel

Im Tantra wird der Leib zum Wohnsitz des Geistigen, das Gefäß der Ein-Wirklichkeit, ohne ihn kann dem Menschen die Erleuchtung nicht dämmern. Im Hathayoga erfolgt die Krönung dieser Einsicht.

Vermutlich entstand Hathayoga im 8. oder 9. Jhdt. Diese Yogatradition stellt die letzter Phase innerhalb der Yogabewegung dar und wurde deshalb von manchen Yogaforschern als Entartungserscheinung angesehen. Was wenig verständlich ist, denn das Grundanliegen des Hathayoga ist es, den Körper für die höheren Übungen gefeit zu machen:

"Alle Mittel des hathayoga dienen dazu, Vollkommenheit im raja-yoga zu erlangen." Hathayoga-Pradipika

 

So wie der frühe Tantrismus sich die menschliche Psyche zunutze macht, benutzt Hathayoga die Möglichkeiten des menschlichen Körpers. Ohne den Lieb ist Befreiung unerreichbar. Hatha bedeutet nach Feuerstein Gewalt, und nicht Sonne-Mond, d.h. Hathayoga ist kein leichter Weg.

"Wie ein ungebranntes, in Wasser eingetauchtes Gefäß sich bald auflöst, so schwindet der leibliche Krug schnell dahin. Aber wenn er im Feuer des Yoga gebrannt ist, wird der Krug rein und dauerhaft." Gheranda-Samhita

Die Härte des Transzendalen soll der Körper ertragen können, dazu muß er hart wie ein Diamant werden. Der vervollkommnete Körper ist frei von Krankheit, Schlacken und Begrenzungen.

 

11.2. Kundalini

Zum Tantra hinzugekommen sind beim Hathayoga Reinigungspraktiken (sodhana), der Ausbau der Körperstellungen (asana, mudra) und Atemtechniken, pranayama, wobei das Gewicht immer auf dem pranayama liegt und nicht auf den asanas. Die Vitalenergie (prana), die durch ida und pingala, zwei Hauptkanäle entlang der Wirbelsäule, fließt, wird in den Zentralkanal, susumna, gelenkt. Dieser Umschaltungsprozeß weckt durch Hitze die Kundalini, die gekrümmte Kraft, am unteren Ende der Wirbelsäule schlummernd. Sie steigt die susumna hoch über Energiezentren, cakras, zum Gehirnzentrum, dem sahasrara-cakra, und stellt ein unerschöpfliches Energiereservoir dar, das sich der Wissende erschließen kann, um nicht nur die siddhis, die magischen Kräfte zu erwerben, sondern um sich in den Zustand der Spontanität zu versetzen. Cakras können zum Teil mit aus der Physiologie bekannten Nervenzentren identifiziert werden. (Das manipura-cakra), das 3. Cakra entspricht dem Sonnengeflecht). Sie sind im Körper verankerte Bewußtseinsachsen, und ihre Wirklichkeit wird subjektiv verschieden erfaßt.

Das Erwachen der Kundalini beschwört auch Gefahren herauf und kann bei einem dafür nicht vorbereiteten Körper Schäden herbeiführen. Gopi Krishna schildert sein Erleuchtungserlebnis in dieser Form:

 "Es gab einen Laut als risse ein Nervenstrang entzwei, und augenblicklich bewegte sich ein silbriger Lichtstrahl in Zickzack durch die Wirbelsäule -genau wie die gewundene Bewegung einer schnell dahinflüchtenden Schlange-, der einen strahlenden kaskadenartigen Schauer von leuchtender Lebensenergie in mein Gehirn ergoß, welcher meinen Kopf mit einer seligen Helle füllte... Völlig überrascht von dieser plötzlichen Umwandlung des feurigen Stroms, der nur Augenblicke vorher durch mein Nervensystem schoss, und überglücklich über das Aufhören der Schmerzen, verhielt ich mich für eine Zeit lang ganz still und ruhig, und genoss die Seligkeit dieser Entlastung mit Rührung und konnte kaum glauben, dass ich tatsächlich von diesem Greuel erlöst war."'

Solche Erlebnisse waren sicher auch schon in frühester Zeit bekannt, erst im Hathayoga wurde man sich ihrer vollen Bedeutung bewußt.

In der Nachfolgezeit kam es zu einer zunehmenden Abflauung des Yoga. Erst in unserem Jahrhundert wurde der Yogabewegung ein neuer schöpferischer Antrieb zuteil.

 

12. Schlussbetrachtung

Yoga ist  keine einheitliche Bewegung, sondern umfasst zwei unterschiedliche Tendenzen: Den magisch-mythischen Yoga und den ganzheitlichen Yoga, beide Tendenzen haben wiederum eigene Varianten.

Die Unterschiede zeigen sich nicht nur in der Struktur des jeweiligen Heilsweges und -ziels, sondern auch im Sprachlichen. Die mythischen Texte gebrauchen eine mehr ozeanische Sprache, der das persönliche Ich noch fremd ist, die integralen Texte besitzen eine greifbarere Identität und größere denkerische Klarheit. Dass der indische Mensch seit Jahrhunderten um Integration bemüht ist, erklärt sich nach Feuerstein durch die Fülle an Rassen und Kulturen im Gegensatz zur einförmigeren europäischen Zivilisation.

Für die Gegenwart sieht er Yoga als Möglichkeit, die Krise zu meistern, indem der moderne Mensch den Kontakt mit dem "Grund" wiederfindet, ohne in magisch-mytische Haltungen zurückzufallen.

Feuerstein fragt sich allerdings, wie der desillusionierte Abendländer die transzendente Bewußtheit schaffen soll, solange noch nicht einmal sein Normalbewußtsein funktioniert!

Seine eigenen kulturellen Wurzeln preiszugeben, ohne die Geistigkeit einer fremden Kultur wirklich absorbieren zu können, verschlimmert nur die Lage und ist genauso abwegig wie die Haltung, das rationale Denken des Westens als Krönung der Bewußtseinsevolution anzusehen.

Feuerstein sieht die meditative Übung allerdings als möglichen Weg auch für den Europäer, mehr an Offenheit und Klarheit zu erreichen und ein integraleres Bewußtsein:

"die blauen Hügel sind einfach blaue Hügel, die weißen Wolken sind einfach weiße Wolken."

 

13. Zeittafel

Vor unserer Zeitrechnung:

Ca. 5000-1700 Zivilisation im Hindustal

Ca. 1500-1200 Invasion der Indoeuropäer. Entstehung der ältesten Hymnen des Rig-Veda

Ca. 900-500 Spätere Veden, erste Upanishaden

Ca. 800 Die Arier dringen nach Bihar und Bengalen ein

558-478 Siddharta Gaudama "Buddha"  oder 5 Jahre früher

400 v.- 400 n.Chr. Enstehung des Mahabharata

200 v. -400 n. Chr.  irgendwann in diesem Zeitraum lebte Patanjali, der Autor der Yoga-Sutren - Lehrsprüche, die die Grundlage der Yoga-Systeme sind und auf früheren Quellen beruhen

100 v. -100 n.Chr. Bhagavad-Gita

 

Unsere Zeitrechnung:

700-800 Kommentar zu Patanjalis Yoga-Sutra

700-900  Wahrscheinlich erste tantrische Texte

1200 Abhandlung über Hatha-Yoga (verlorengegangen)

1600 Satcakra nirupana, genaueste Beschreibung der cakra und der tantrischen Initiation

1834-1886 Sri Ramakrishna

1862-1902 Swami Vivekananda

1872-1950 Sri Aurobindo, "Der integrale Yoga"

 

Vedanta: Schriften, die sich mit religiösen Riten und ihrer korrekten Durchführung befassen. In ihren letzten Teilen, den Upanishaden, werden philosophische Lehren in poetische Form gebracht, vor allem über das individuelle atman, das sich mit dem universellen brahman vereint.

 

Bhagavad-Gita : Teil des Epos Mahabharata. Krisna belehrt den Krieger Arjuna über Pflicht (karma) und liebende Hingabe (bhakti).

 

Yoga: Etymologisch von yui = zusammenbinden, -halten, anspannen, aufzäumen, im lat. jungere, jugum; im engl yoke.

 Verwendete Literatur:

Feuerstein, G.: "Yoga- Im Lichte der Bewußtseinsgeschichte der indischen Kultur", 1981

Hoch, E.: "Altindische Philosophie, indische Religion und Psychotherapie", in: Condrau, G.: (Hg): "Psychologie der Kultur" Bd.I: "Transzendenz und Religion", Beltz

Patanjali: "Die Wurzeln des Yoga" - mit einem Kommentar von P.Y. Deshpande, O.W. Barth 1999

Eliade, M.: "Der Yoga des Patanjali", Herder Tb 1999